Ein offener Brief an «Harry Hirsch»

Sehr geehrter Herr Hirsch,

kürzlich erlangte ich Kenntnis darüber, dass Sie sich auf dem Gebiet der Satire betätigt haben. Voller Vorfreude öffnete ich den mir zugespielten Bericht. Endlich, so hoffte ich, würde ich nicht mehr den einsamen Kampf als Adelsdorfer Gemeindeschreiber führen müssen, der mit spitzer Feder und Humor die Entwicklungen meiner Heimatgemeinde zum Thema macht.

Also las ich, was Sie zu berichten hatten – und ich muss gestehen, dass ich doch sehr enttäuscht bin. Aber jeder fängt einmal an und wagt sich hinaus ins Unbekannte. Daher will ich nicht zu hart kritisieren, was Sie unter der Überschrift «Adelsdorfer Gmaableedla» verfasst haben. Lediglich Tipps und Hinweise erlaube ich mir zu geben.

  1. Sie schreiben gleich im ersten Absatz von einem «Bernsteinzimmer-Suchtrupp». Der geneigte Leser mag sich fragen, wer dieser Suchtrupp eigentlich ist oder ob und warum dieser Suchtrupp in Adelsdorf aktiv gewesen sein könnte. Vielleicht fällt Ihnen beim nächsten Mal ein spannenderer Einstieg oder realistischerer Bezug ein als ein Mysterium, das spätestens in den 80er-Jahren schon fast niemanden mehr interessierte.
  2. Weiterhin schreiben Sie über ein «geheimes Hinterzimmer», das nun entdeckt wurde. Soweit ich nach mehrmaligem Lesen glaube, verstanden zu haben, wollten Sie damit drei Bürgermeisterkandidaten vorwerfen, Sie würden in eben jenem Hinterzimmer Politik betreiben. Sie verraten in Ihrem Text allerdings nicht, was die drei Männer dort Hinterzimmer-artiges ausgeheckt hätten. Und, ganz ehrlich, ein richtiges Hinterzimmer ist es eigentlich ja auch nicht. Immerhin haben die Bürgermeisterkandidaten dieses «Hinterzimmer» selbst öffentlich gemacht und die lokale Presse eingeladen. Der «Bernsteinzimmer-Suchtrupp» macht so also noch weniger Sinn.
  3. Im letzten Absatz machen Sie dann etwas, was kein guter Satiriker jemals nötig haben sollte: Sie verunglimpfen Personen aufgrund körperlicher Merkmale. Das ist, mit Verlaub, schlicht niederträchtig und billig.
  4. Fast zum Schluss noch einige Anmerkungen zu Technik und Layout: Der moderne Weg eines Satirikers, seine Kunst zu präsentieren, sind wahlweise TV-Auftritte (da hat zugegeben auch mich Aischgrund TV bisher schmählich vernachlässigt) oder es sind Publikationen in digitaler Form, die per Link geteilt werden können. Letzteres nutze ich. Ein Text in der Schriftart Comic Sans, der ausgedruckt, gescannt und dann in Whatsapp-Gruppen verbreitet wird – dass wirkt doch etwas veraltet, wenn ich mir diese Aussage so erlauben darf.
  5. Zum letzten Punkt … Herr Hirsch, Sie müssen jemanden finden, der der Rechtschreibung und Zeichensetzung mächtig ist, bevor Sie publizieren. Nun sitze auch ich wahrlich nicht im Glashaus und will mit Steinen werfen. Auch mir passieren in der Eile des Tages Flüchtigkeitsfehler. Ihr Text jedoch strotzt vor Fehlern. Ein mir als Inspirator dienender und leider bereits verstorbener Deutsch-Lehrer würde Ihr Werk mit einer Schulnote versehen müssen, die Ihnen nicht schmeicheln dürfte.

Also, sehr geehrter Herr Hirsch, ich mag die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Sie noch besser können, was Sie jetzt einmal begonnen haben. Geben Sie nicht auf! Und wenden Sie sich gerne an mich, wenn ich Sie kollegial unterstützen kann. Sie finden meine Kontaktdaten im Impressum. (Auch das ist übrigens guter Stil eines Satirikers: Er stellt sich zwar nicht ins Licht der Öffentlichkeit, allerdings verschleiert er nicht, wer er ist.)

Satirische Grüsse!
Adelsdorfer Gemeindeschreiber

P.S.: Nachfolgend finden Sie das mir übermittelte Werk von Ihnen. Sollte ich Sie fälschlicherweise als Autor dessen vermutet haben, lassen Sie mich das wissen. Ich würde dann natürlich meinen offenen Brief zurückziehen.

 

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